„Es ist nicht unsere Pflicht, euer Verhalten als Konsequenz eurer Sozialisierung zu ertragen…“

Letztens habe ich einen schönen wütenden und polemischen Artikel das „Anti-Man(n)ifest“ hier von der Fluoreszierende Frequenzresonanz gelesen. Dabei handelt es sich um einen Artikel über Sexismus innerhalb der Linken:

Auch in linken Gruppen wird eine sexistische Kultur gepflegt, die wir als Feministinnen nicht unterstützen können und wollen. Wir haben keinen Bock mehr, uns in Männergruppen rein zu setzen und dort die Position der Feministin zugewiesen zu bekommen, die als antisexistisches Gewissen funktionieren soll – eine Alibifunktion, die diese Gruppen brauchen, um patriarchal machistische Gruppenstrukturen zu legitimieren.

Weiter heißt es dort auch:

Linkspolitische Gruppen benutzen die Artikulation eines antisexistischen Konsens als Werbeeffekt und Anstandsbekundung. Jeder Versuch einer praktischen Auseinandersetzung mit den gruppeninternen Sexismen wird bewusst sabotiert. Feministinnen verlassen die Gruppen, verfallen in Schweigen und/oder werden weiterhin emotionalen Extremsituationen ausgesetzt. Sie werden als „faschistisch“ propagiert, als „irrational“ dargestellt und innerhalb ihrer sozialen Zusammenhänge diffamiert. Ihnen werden Intentionen und Eigenschaften zugeschrieben wie bspw. „rachsüchtig“ zu sein, „übersensibel“, „zu emotional“ und „intrigant“.

Das sind alles Erfahrungen, die ich auch selber schon in politischer Arbeit gemacht habe. Lange Zeit habe ich gedacht, dass es an mir liegen würde, dass ich anscheinend unfähig zur politischen Zusammenarbeit mit anderen Menschen bin. Lange habe ich mich durchgebissen, mir sagen lassen ich müsse eben die Menschen immer wieder auf dominantes Redeverhalten oder das Fehlen einer geschlechtersensiblen Perspektive hinweisen. Aber wie die Flureszierende Frequenzresonanz geschrieben haben:

Die Leute, die ein Problem benennen sind nicht selbst das Problem! Und es sind nicht wir, die nicht in gemischte Gruppen passen, sondern Typen, die uns ständig mit Sexismus konfrontieren! Es ist nicht unsere Pflicht, euer Verhalten als Konsequenz eurer Sozialisierung zu ertragen. Es ist nicht unsere Verantwortung, euch zu erziehen, zu belehren und Lösungsansätze zu bringen für Probleme, die aus eurem Verhalten heraus entstehen! Wir können euren Sexismus nicht beseitigen und wir stehen nicht gerade für euren Brainfuck. Seit eure eigenen Quotenfeministinnen!

Bis zu einem bestimmten Punkt kann oder konnte ich andere auf ihr Verhalten hinweisen, aber ich habe auch verdammt nochmal genug mit der Überwindung meiner eigenen Sozialisation zu tun. Solange in linken Strukturen die dominanten Menschen (ich denke nicht, dass es sich dabei ausschließlich um Männer handeln muss) anderen, den „Quotenfeminist_innen“ (auch hier muss es sich nicht ausschließlich um Frauen handeln) die Verantwortung für eine antisexistische sowie geschlechtersensible Perspektive und Arbeit übertragen, wird der Sexismus in diesen Strukturen immer wieder neu hergestellt und bleibt bestehen. Meiner Meinung nach darf es nicht sein, dass vor allem Frauen die antisexitische und feministische Arbeit überlassen bzw. zugeschoben wird und damit ja dann diese Perspektive in die Gruppenarbeit einbezogen wird. Genauso wenig kann ich es ertragen, wenn mir gesagt wird, dass ich ja diejenige bin, der dominantes Verhalten auffällt und deswegen dann dafür verantwortlich bin andere darauf hinzuweisen. Als ein Mensch mit einer emanzipatorischen Perspektive sollte ich nicht andere für mein Verhalten die Verentwortung übertragen, sondern bin selber dafür verantwortlich, mich und mein Verhalten zu ändern. Denn:

Zu Sexismus gibt es keine neutrale Position. Sich herauszuhalten ist ein Statement! Indifferente Standpunkte führen zu Ausschlüssen von jenen, die Gruppendynamiken hinterfragen.

Die Menschen, die auf Problematiken innerhalb von Gruppen hinweisen werden zum Problem gemacht, müssen sich entweder ständig immer wieder laut und unglaublich energieziehend Gehör verschaffen, resignieren vielleicht, sind frustriert und wie in meinem Falle ziehen sich aus der Gruppe zurück. Das Anti-Man(n)ifest fasst die in ihrer Meinung daraus folgende Konsequenz:

Also fordern wir die Vernichtung aller Freiräume zugunsten von Schutzräumen. Und wir fordern, dass sich Freiräume und Politgruppen als das outen, was sie sind – eine Handvoll von Schwänzen, die elitär in der ersten Reihe stehen.

Ich glaube nicht, dass hier gefordert wird, allen Männern die Schwänze abzuhauen, wie es in einigen Kommentaren auf der österreichischen Seite von indymedia angenommen wird. Ich würde diesen polemischen Ausdruck selbst so nicht verwenden, ihn jedoch metaphorisch für dominant männliches Verhalten sehen. Meiner Meinung nach müssen in dem Sinne Freiräume (meiner Meinung nach sind das dann nämlich keine Freiräume) zerstört werden, insofern sie sexistische, rassistische oder klassenspezifische Diskriminierungen, egal wie latent, aufweisen. Genauso wie ich nicht nur einen Stück vom Kuchen innerhalb der Gesellschaft will, will ich auch nicht nur ein Stück davon abbekommen innerhalb linker Politgruppen. Es geht darum, ein neues Rezept zu mischen. Wenn dies zunächst durch Schutzräume sein muss, dann fühle ich mich wieder in die 70er Jahre zurückversetzt, allerdings scheint es immer noch nötig und äußerst wichtig zu sein. Interessant ist, dass dieser Artikel auf indymedia links unten zensiert wurde, da er sexistisch sei, wie in einem Blogeintrag von no-racism.net hier nachgelesen werden kann. Es wurde auf Nachfrage eine Definition von Sexismus geliefert und die Zensur so begründet:

Sexismus ist fuer mich ein soziales Konstrukt, das sich im Zusammenleben verschiedengeschlechtlicher Menschen manifestiert und dabei immer wieder aufs Neue reproduziert wird mit dem Zweck, sich selbst zu erhalten. Menschen werden einzig auf ihr Geschlecht reduziert. Wenn man Maenner als ‚Schwaenze‘ bezeichnet, tut man ebendies: Man reproduziert Sexismus.

Wenn Frauen Männer metaphorisch als Schwänze (ein Symbol für patriarchale Machtstrukturen) bezeichnen, mal lauter den Mund aufmachen oder auf den Tisch hauen, dann sind sie also sexistisch, sollen sich mal zusammenreißen oder bitteschön nicht so emotional sein. Polemik hin oder her, ich bin dankbar gewesen für diesen Artikel, der mal laut, wütend und deutlich gesagt hat, was mir schon so lange unter den Fingernägeln brannte.


4 Antworten auf „„Es ist nicht unsere Pflicht, euer Verhalten als Konsequenz eurer Sozialisierung zu ertragen…““


  1. 1 Linna 07. November 2011 um 21:49 Uhr

    großartig!! Genau das, was ich jeden Tag denke und empfinde und fluche.

  2. 2 le_herisson 12. November 2011 um 15:11 Uhr

    da hat bei der zensierung wohl auch jemand vergessen, dass sexismus, ebenso wie rassismus, immer innerhalb von machtstrukturen stattfindet und deshalb nicht einfach umgekehrt werden kann.

  1. 1 Gedankenknubbel… « Feminismus, Politik und Alltag Pingback am 07. November 2011 um 13:49 Uhr
  2. 2 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Datenschutz-, Neid- und Rassismusdebatten – die Blogschau Pingback am 12. November 2011 um 11:16 Uhr
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