Schatz bleib du doch zu Hause bei den Kindern, ich verdiene mehr…

Traurige Realität in Deutschland. Aber so langsam reichts. Wie lange reden wir schon über die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen? Mir kommt es vor wie eine halbe Ewigkeit und es scheint sich nichts zu ändern. Die Lohnlücke – ich würde es ja mal eher als Lohngraben bezeichnen – beträgt in Deutschland immer noch 23,2 Prozent (2009) und steht damit nach Österreich und Tschechien auf Platz drei in Europa. Das es anders geht, zeigen Länder wie Slowenien, Italien und Malta, wo die Lohnunterschiede ‚nur‘ zwischen 3 und 7 Prozent betragen. Auch das ist immer noch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Nachlesen kann mensch das hier in einem taz Artikel. In Deutschland hat der Lohnunterschied in den letzten Jahren sogar noch zugenommen. Ich fass es einfach nicht. Frauen kriegen weniger Lohn, arbeiten meistens in Teilzeitjobs, zunehmend auch in Minijobs (bis 400Euro) oder Midijobs (bis 800 Euro). Unsere Steuer- und Sozialpolitik fördert immer noch das Ernährermodell des ’strong-breadwinners‘ (Mann geht arbeiten, Frau ist zu Hause), die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (Mann Erwerbsarbeit, Frau Hausarbeit) kann mensch schön in der Zeibudgetstudie des BMFSFJ und des Statistischen Bundesamtes nachlesen, wo deutlich wird, dass Frauen immer noch sehr viel mehr Zeit für die Hausarbeit verwenden. Wenn Kinder mit ins Spiel kommen, dann steigt der Zeitaufwand der Frauen noch. Sind wir denn nicht mittlerweile schon lange über die Kenntniss hinaus, dass Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zunächst auch einmal finanzielle Unabhängigkeit der Frau vom Mann vorraussetzt? Wie sollen Paare eine alternative Verteilung von Arbeit (Erwerbs- und Reproduktionsarbeit*) umsetzen, wenn die strukturellen Rahmenbedingungen – also die Lohnunterschiede, Steuer- und Sozialpolitik, fehlende Kinderbetreuung usw. – dem so im Weg steht?

Neben diesen äußerlichen Rahmenbedingungen gibt es jedoch noch eine weitere, die oftmals unbewusst wirkt. Dazu muss ich erst erläutern, dass Feminist_innen** davon ausgehen, dass das Geschlecht nicht rein biologisch ist. Es gibt in der feministischen Theorie die Unterscheidung zwischen sex und gender. Sex bezeichnet dabei das biologische Geschlecht und gender das sozial konstruierte. Allerdings gibt es auch Feministinnen wie Judith Butler , die jegliches biologisches Geschlecht ablehnen. Worauf es mir gerade ankommt, ist festzustellen, dass Geschlecht und die damit verbundenen Zuschreibungen (Frauen sind empfindsam, emotional und machen die Hausarbeit; Männer sind hart, karriere geeignet und weinen nicht) durch soziale Konstruktion entstehen. Dies nennt mensch ‚doing gender', wobei betont wird, dass Geschlecht im Alltag hergestellt und immer wieder neu gefestigt wird. Damit besteht auch die Gefahr, das Paare mit dem Anspruch an alternative Arbeitsteilung schnell durch das Wirken des doing gender und/oder die äußerlichen Rahmenbedingungen wie die schlechtere Bezahlung von Frauen keine Alternativen entwicklen sondern in das traditionelle Ein-Ernähermodell fallen oder eventuell noch die Frau als ‚Zuverdienerin‘ einem Teilzeitjob nachgeht. Das kann unbewusst passieren oder auch ganz simpel aus finanziellem Druck heraus. Das darf nicht sein.

Was ich fordere? Ich fordere zunächst einmal den gleichen Lohn für Frauen wie für Männer. Ich fordere eine Steuer- und Sozialpolitik in Deutschland die sich von dem Ein-Ernährer Modell endgültig verabschiedet. Ich fordere dabei für gleichgeschlechtliche Paare die selben Rechte wie für heterosexuelle. Und außerdem fordere ich einen Arbeitsbegriff, der nicht nur Erwerbsarbeit als Arbeit anerkennt, sondern endlich auch Reproduktionsarbeit. Damit sie auch endlich mal sagen kann: Schatz bleib du doch zu Hause, wir verdienen ja gleich viel.

* Unter Reproduktionsarbeit verstehe ich sowohl Tätigkeiten wie kochen, putzen und waschen, jedoch auch Erziehungsarbeit und Fürsorgearbeit. Reproduktionsarbeit ist vor allem aber emotionale Beziehungsarbeit.

** Ich verwende den Gender_Gap als Form des Genderns von Sprache, weil durch die Lücke des Unterstrichs nicht nur Frauen und Männer gemeint sind, sondern auch alle anderen Geschlechter. Ich verwehre mich damit der Dichotomie Mann Frau, da es nicht nur zwei Geschlechter gibt, sondern viele.


5 Antworten auf „Schatz bleib du doch zu Hause bei den Kindern, ich verdiene mehr…“


  1. 1 Piratenweib 25. September 2011 um 10:15 Uhr

    Hey, da hast du viele gute Forderungen aufgestellt!
    Eine meiner liebsten dabei (und auch ein wichtiges Thema für mich) ist, dass wir dringend einen neuen Arbeitsbegriff brauchen. Bevor wir „die Arbeitswelt“ ändern können (oder über Löhne etc. diskutieren) sollten wir erst einmal feststellen, was denn Arbeit überhaupt ist. Ich sehe das wie du: Auch Reproduktionsarbeit ist Arbeit und sie ist wichtiger als der Job eines jeden Bankvorstands.
    Hast du Ideen, wie wir gesamtgesellschaftlich zu einem neuen, besseren Arbeitsbegriff kommen könnten? Muss das politsch vorgegeben werden oder kann so etwas auch „von unten“ wachsen? Ich bin mir da nicht ganz schlüssig …

  2. 2 Christian 25. September 2011 um 22:46 Uhr

    Der Gender Pay Gap ist ja auch eigentlich kleiner. Sagt zumindest das statistische Bundesamt
    http://allesevolution.wordpress.com/2010/11/11/gehaltsunterschiede-mann-frau/

    Italien ist zudem ein gutes Beispiel, warum der Gender Pay Gap nicht soviel aussagt. Der Unterschied ist dort geringer, weil die Frauen weniger Rechte haben. Entweder sie arbeiten voll und verzichten auf Kinder (die wenigsten) oder sie bekommen Kinder und steigen dann ganz aus (die meisten). Das wirkt sich dann aus, weil es weniger Halbtagsarbeit etc gibt, die in Deutschland den Gender Pay Gap vergrößert.

  3. 3 Administrator 26. September 2011 um 13:40 Uhr

    @Piratenweib: Ich halte die Entwicklung eines neuen Arbeitsbegriffs ebenso für überaus notwendig. Ich habe mich in letzter Zeit etwas mit der ‚Vier-in-einem-Perspektive‘ von Frigga Haug beschäftigt. Darin entwickelt sie eine Art Kompass, indem sie (sehr heruntergebrochen) den Arbeitsbegriff ausweitet, nicht nur auf Reproduktionsarbeit, sondern auch auf Kultur (individuelle Entwciklung) und Politik. Wenn ein Mensch also 16 Stunden am Tag arbeiten kann, dann könnten jeweils 4 Stunden für Erwerbs-, für Reproduktionsarbeit, für Kultur und Politik aufgewendet werden. Sie verbindet also eine radikale Erwerbsarbeitszeitverkürzung mit einem weitem Arbeitsbegriff.

    Ich glaube, dass ein veränderter Arbeitsbegriff beides bräuchte: Die Veränderung in der Politik und das Wachsen von unten. Im Alltag heißt es wohl zunächst auch immer wieder Reproduktionsarbeit oder auch politische Arbeit anzuerkennen, dies auszuspechen und deutlich zu machen.

    @Christian: Du hast Recht, dass es sich bei den Zahlen von 23% um den sogenannten unbereinigten Gender Paygap handelt. Daraus lassen sich keine Rückschlüsse auf die Lohnunterschiede von Männern und Frauen im selben Beruf schließen. Allerdings sagt uns diese Zahl ja dennoch, dass Frauen zumeist in Teilzeit arbeiten und zumeist dann Zuverdienerinnen sind, Teilzeitarbeit sie jedoch nicht finanziell unabhängig macht. Außerdem sagt uns das auch, dass die Situation in Italien dann anscheinend auch nicht eine unbedingt bessere oder gar geschlechtergerechtere ist.

  4. 4 Christian 27. September 2011 um 20:18 Uhr

    „Du hast Recht, dass es sich bei den Zahlen von 23% um den sogenannten unbereinigten Gender Paygap handelt.“

    Dann ist es aber verdammt schwer daraus eine Diskriminierung herzuleiten, wenn wir bei einem unbereinigten Gender Paygap von höchstens 5% sind (wie es das statistische Bundesamt sieht).

    Warum also wird diese Zahl so hoch gehalten? Sie schreckt Frauen ja noch eher ab, Karriere zu machen, weil sie davon ausgehen müssen, dass ihr Mann eh mehr, und zwar gleich 23% mehr verdient? Es muss „Bürgerinnen und Bürger“ heißen, damit Frauen nicht abgeschreckt werden, aber die 23% werden überall in den Raum gestellt. Verstehe ich nicht.

    Die Zahl der Teilzeitarbeit sagt uns erst einmal gar nichts, wenn die Frauen das so wollen. Muss es unbedingt Teil jeder Lebensplanung sein, in Vollzeit zu arbeiten? Immerhin partizipieren die verheirateten Frauen über den Zugewinn und den Versorgungsausgleich und über den Unterhalt auch direkt von dem Gehalt des Mannes.
    Und sie hat vielleicht mehr Lebensqualität, möchte die Zeit mit ihren Kindern (wenn auch stressig) nicht missen und mag es sie aufwachsen zu sehen.
    Für eine Diskriminierung reicht es nicht auf die Unterschiede abzustellen. Man sollte schauen, wie glücklich die jeweiligen damit sind.

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Bücher, Pin Ups und Piraten – die Blogschau Pingback am 24. September 2011 um 16:37 Uhr

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